Dass Pendeln dem einen oder der anderen aufs Gemüt schlägt, ist nicht neu. 2017 offenbarte eine Studie, dass ein langer Arbeitsweg negative soziale und psychische Auswirkungen habe.
Langstrecken-Pendler, so zeigte die Untersuchung, waren mit ihren Lebensumständen unzufriedener als Angestellte mit einem kurzen Arbeitsweg. Besonders frustrierend: dass weniger Zeit bleibt für Freunde und Familie.
Doch was die einen belastet, ist für andere genau der Clou am Reisen im ÖV: (fast) ungestörte Ego-Zeit - zum Sinnieren, Arbeiten, Schlafen, Telefonieren (mit letzterem wäre auch gleich erklärt, warum die Reise für andere nur «fast» ungestört ist…).
Manchmal ist Zugfahren aber auch die Rettung. So wie im Fall von Pascal. Ihn habe ich neulich im Zug kennengelernt, als ich fast über seinen Gipsfuss gestolpert bin. Er strahlte mit seinem Lächeln im Gesicht eine buddhistische Ruhe aus und wir kamen gleich ins Gespräch.
Er sei für vier Monate krankgeschrieben, erzählte er mir. Damit ihm nicht die Decke auf den Kopf falle, habe er sich für diese vier Monate ein GA gekauft. Damit reise er derzeit von frühmorgens bis spätabends durch die ganze Schweiz - stundenlang.
Dabei lasse er sich unterhalten von der Welt, die vor dem Fenster vorbeirattert, von Begegnungen, Erlebnissen, Beobachtungen. «Was söu ig o süsch mache?» fragte er mich strahlend und in sympathischem Berndeutsch, «deheim hocke u ad Wang starre?».
Die «Strickrunde» in der S4
Ähnlich reisebegeistert muss das besondere Reisetrüppli sein, von der mir René, eine andere Zugbekanntschaft, erzählte. In der S4, die ab St. Gallen in zwei Stunden rund um den Säntis fährt, treffe sich ab und zu eine fröhliche Strickrunde.
Am Fenster hänge jeweils ein Zettel mit dem Vermerk «Strickrunde» und in zwei, drei Abteilen sässen strickende, häkelnde, tratschende Frauen. Ab und zu steige (Küsschen, Küsschen) eine aus, dann steige eine zu, wie sie halt entlang der Strecke wohnen würden.
Wann diese Strickrunde sei, wollte ich von René wissen, und wer sie initiiert habe. Keine Ahnung, meinte er mit einem Schulterzucken. Aber diese Runde habe ihn angeregt zu einem «zugigen Zmorgen mit Freunden».
Und so luden sie eines Tages Kannen, Picknicktaschen, Tisch und Büffet in besagte S4 ein und zwei Stunden später wieder aus. Wie die Zugbegleiter während dem zweistündigen Brunch reagiert hätten, wollte ich wissen. Renés Antwort: «Gut! Die luden wir nämlich zu Kaffee und Gipfeli ein!».
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