Der Mann tut es nicht aus machoiden* Gründen, er kann nicht anders: Mindestens 1.5 Sitzplätze nimmt er in Beschlag. Ein riesiger, massiger, korpulenter Kerl. Typ Knuddelbär. Typ Extra-starke-Schulter-zum- Anlehnen. Vielleicht Lastwagenfahrer.
Vielleicht Gabelstapler. Vielleicht Türsteher in einem Rocker-Schuppen. Mit ziemlich grosser Sicherheit ein grosser Chrampfer. Einer, der sich zum Zvieri aus einer Lyonerwurst und einem Laib Brot ein paar Sandwiches macht und das Ganze mit einem halben Liter Citro oder einem Bier runterspült. Ein Mann fürs Handfeste und einer zum Festen, zünftig sogar. An diesem Feierabend scheint er müde.
So müde, dass er bereits nach kurzer Zeit einschläft. Seine massive Brust dient ihm als Kissen. Durch den ganzen Zug ist sein Schnarchen zu hören - die apnoeartigen Aussetzer genauso. Zwei Stationen nachdem er eingeschlafen ist, steigen Jugendliche ein und bemerken ihn.
Sie setzen sich ins Abteil hinter dem Schläfer und zücken ihre Smartphones. Während der Mann röchelnd bis röhrend döst, machen die Jungs Selfies und Videos von sich und dem Mann. «Hey!», ruft es laut von gegenüber, noch bevor ich selber etwas sagen kann, «Hey! Nicht einfach fremde Leute fotografieren!». Es ist eine toughe tätowierte Frau, die sich einmischt.
Ich liebe sie für ihr Selbstverständnis, den Mund aufzumachen, während andere noch überlegen, ob das, was hier grad vor sich geht, rechtens ist. «Das könnt ihr doch nicht machen», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Easy», antworten die Jungs gelassen, «wir kennen ihn, wir sind Kollegen.» Man will es ihnen nicht recht glauben.
Doch in diesem Moment wacht der Fotografierte auf und pflichtet den Jungs bei. «Scho guet», nuschelt er und schüttelt sich den Schlaf aus dem Gesicht, «ich kenne die Jungs!» Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr!
Medienkontakt:
Katja Walder
Tel. +41 51 220 41 11
press@sbb.ch





