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Tsunami oder Opferritus? Wie 20 Kelten vor 2000 Jahren ums Leben kamen

18.06.2024 | von Schweizerischer Nationalfonds SNF


Schweizerischer Nationalfonds SNF

18.06.2024, Bern (ots) - Bei Überresten einer Brücke im Drei-Seen-Land wurden uralte menschliche Skelette entdeckt. Eine Gruppe von Archäologinnen und Archäologen möchte wissen, was mit den Toten von Cornaux damals wirklich passiert ist.

Knochen, Schädel und Balken in einem Flussbett - was war hier passiert? Wer waren diese Menschen? Und was war ihnen zugestossen? Diese Fragen werden seit 1965 kontrovers diskutiert: Damals entdeckte man während Bauarbeiten am Zihlkanal rund zwanzig Skelette bei den Überresten der keltischen Brücke von Cornaux/Les Sauges. Heute sind Forschende aus den Bereichen Archäologie, Anthropologie, Thanatologie, Biochemie und Genetik erneut in den Fall aus dem Drei- Seen-Land eingetaucht. Die Ergebnisse ihrer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und von der Autonomen Provinz Bozen (Südtirol) unterstützten Arbeit wurden vor Kurzem in der Zeitschrift Scientific Reports (*) veröffentlicht.

Das plötzliche Unglück gewinnt

Die Studie ist Teil einer internationalen Zusammenarbeit (siehe Kasten) zwischen der Universität Bern und Eurac Research, dem Forschungsinstitut für Mumienforschung in Bozen. Ziel ist es, neue Erkenntnisse über die keltische Kultur in der Schweiz und in Norditalien zu gewinnen. Da diese vorwiegend mündlich geprägt war, stammen die meisten schriftlichen Quellen von Julius Cäsar. "Weil diese Erzählungen von einem militärischen Gegner kommen, sind sie nicht immer objektiv und vollständig", erklärt Zita Laffranchi, Postdoktorandin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern. "Indem wir uns auf archäologische Funde konzentrieren, geben wir denjenigen Menschen eine Stimme, über die nichts in den Geschichtsbüchern steht." Mit ihrem Team führte die Wissenschaftlerin eine detaillierte bioarchäologische Untersuchung durch, um mehr über die dramatischen Geschehnisse bei der Holzbrücke von Cornaux/Les Sauges herauszufinden.

Denn es herrscht grosse Uneinigkeit darüber, was damals geschah. Eine These lautet, dass eine abrupte Überschwemmung oder ein Tsunami zum Einsturz der Brücke führte. Eine andere, dass es sich bei den Skeletten um Menschenopfer handelt - eine für die Kelten belegte Praxis, die häufig in Zusammenhang mit Wasser stand.

Zur Rekonstruktion der Tragödie führten die Forschenden vielfältige Analysen durch. Der gute Zustand der Fundstücke - in fünf Schädeln sind sogar noch Reste von Gehirn erhalten - spricht dafür, dass die Leichen nach dem Tod schnell unter Sedimenten begraben wurden. Vom Schädel bis zu den Beinen weisen die Skelette zudem zahlreiche Verletzungen auf, die auf starke Gewalteinwirkungen zurückgehen dürften. Im Gegensatz zu anderen europäischen Fundstätten, wo Menschenopfer nachgewiesen sind, wurden in diesem Fall keine absichtlich oder durch scharfe Gegenstände verursachten Verletzungen festgestellt. Diese Analysen stützen also die These eines Unglücks. Auch das Durcheinander von Knochen und Holzstücken weist darauf hin. Es könnte also gut sein, dass einst ein Tsunami die Brücke zum Einsturz brachte.

Vielleicht starben nicht alle gleichzeitig

Chemische Untersuchungen einzelner Knochen und Zähne gaben den Forschenden schliesslich weitere Anhaltspunkte: Mit Radiokohlenstoffdatierungen konnten sie bestimmen, wann die Personen gelebt haben. Isotopenanalysen zeigten, was sie gegessen und wo sie gelebt haben. Bei der Hälfte der Skelette wurde zudem mit paläogenetischen Verfahren die DNA entschlüsselt.

Die Resultate belegen, dass es sich um mindestens 20 Personen handelt, die keine nahen familiären Verbindungen haben: ein Mädchen, zwei weitere Kinder und 17 zumeist junge Erwachsene, davon vermutlich 15 männliche. Diese demografische Einseitigkeit mit einer Mehrheit von jungen Männern könnte auf eine Gruppe geopferter Gefangener oder Sklaven hinweisen, aber auch auf einen Konvoi von Händlern oder Soldaten. Da nicht alle Radiokohlenstoffdatierungen eindeutig ausfielen, lässt sich zudem nicht mit Sicherheit sagen, ob alle Todesfälle zur gleichen Zeit eintraten und ob sie auch wirklich mit der Zerstörung der Brücke zusammenfielen. "Bei Berücksichtigung all dieser verschiedenen Elemente lässt sich vermuten, dass sich in Cornaux ein heftiger, schneller Unfall ereignet hat", fasst Marco Milella, Forscher der Universität Bern und Co- Leiter dieses Projekts, zusammen. "Doch die Brücke hatte schon davor ein Leben. Sie könnte eine Opferstätte gewesen sein." Es sei nicht auszuschliessen, dass sich einige Leichen bereits vor dem Unfall dort befanden. "Es muss nicht zwingend nur eine der beiden Thesen zutreffen."

Das genaue Szenario der Ereignisse bei der Brücke von Cornaux/Les Sauges wird vermutlich ein Rätsel bleiben. "Bei dieser Art von Forschung untersuchen wir konkrete Personen und zeichnen ihr Leben nach. Das ist manchmal emotional", erzählt Laffranchi. "Aber im Grunde geht es darum, unser kulturelles und biologisches Erbe besser zu verstehen, und zwar auf der Ebene der ganzen Gesellschaft."

(*) Z. Laffranchi, S. Zingale et al.: Geographic origin, ancestry, and death circumstances at the Cornaux/Les Sauges Iron Age bridge, Switzerland. Scientific Reports (2024)

Schon damals durchmischt, mobil und zentral

Das Drei-Seen-Land war für die Kelten von grosser Bedeutung. Dies insbesondere für die Helvetier, den grössten keltischen Volksstamm, der zwischen dem Genfer- und Bodensee lebte. Diese neue Studie, bei der erstmals paläogenomische Analysen von Keltinnen und Kelten in der Schweiz durchgeführt wurden, bestätigt die Nähe zu anderen Völkern der Eisenzeit. Die in Cornaux identifizierten Linien sind auch in den Gebieten der Britischen Inseln, der Tschechischen Republik, in Spanien und Mittelitalien zu finden. Die Isotopenanalysen wiederum zeigen, dass die untersuchten Personen teilweise wohl im Drei-Seen-Land aufgewachsen waren, teilweise aber auch im Alpenraum. Diese Funde bestätigen die Bedeutung der Region in der damaligen Epoche. Sie belegen die Vorstellung, dass bei den keltischen Volksstämmen eine hohe Mobilität und Durchmischung bestand. Unsere Vorfahren, die Helvetierinnen und Helvetier, verschanzten sich also keineswegs allein hinter ihren Bergen, sondern auch sie lebten bereits an einer Kreuzung im Herzen Europas.

Internationale Zusammenarbeit

Dank Abkommen zwischen dem SNF und Förderinstitutionen anderer Länder muss ein gemeinsames Forschungsprojekt mit internationalen Partnerinnen und Partnern bei nur einer Förderagentur eingereicht werden. Eingebettet in die normale Projektförderung des SNF werden bei den Verfahren von Weave, Lead Agency und International Co-Investigator Scheme Fördermittel für länderübergreifende Projekte vergeben. Nach einem Auswahlverfahren können Forschende mit diesen Beiträgen Vorhaben zu selbst gewählten Themen und Forschungszielen eigenverantwortlich durchführen.


Pressekontakt:

Marco Milella
Universität Bern
Institut für Rechtsmedizin, Anthropologie
Murtenstrasse 26
3008 Bern
Tel.: +41 31 684 02 07
E-Mail: marco.milella@irm.unibe.ch

Zita Laffranchi
Universität Bern
Institut für Rechtsmedizin, Anthropologie
Murtenstrasse 26
3008 Bern
Tel.: +41 31 684 02 08
E-Mail: zita.laffranchi@irm.unibe.ch



--- ENDE Pressemitteilung Tsunami oder Opferritus? Wie 20 Kelten vor 2000 Jahren ums Leben kamen ---

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Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) fördert im Auftrag des Bundes die Forschung in allen wissenschaftlichen Disziplinen, von Geschichte über Medizin bis zu den Ingenieurwissenschaften

Um die nötige Unabhängigkeit sicherzustellen, wurde der SNF 1952 als privatrechtliche Stiftung gegründet. Im Zentrum seiner Tätigkeit steht die Evaluation von Forschungsgesuchen. Mit der kompetitiven Vergabe öffentlicher Gelder trägt der SNF zur hohen Qualität der Schweizer Forschung bei.

In enger Zusammenarbeit mit Hochschulen und weiteren Partnern setzt sich der SNF dafür ein, dass sich die Forschung unter besten Bedingungen entwickeln und international vernetzen kann. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der SNF dabei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Zudem übernimmt er im Rahmen von Evaluationsmandaten die wissenschaftliche Qualitätskontrolle von grossen Schweizer Forschungsinitiativen, die er nicht selbst finanziert.

Quellen:
news aktuell   HELP.ch


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