Zwischen Struktur und Geste
Die Ausstellung präsentiert zwei zentrale Werkstränge Grafs: die lyrisch-geometrischen Kompositionen der 1950er-Jahre und die tachistische Abstraktion der 1960er-Jahre. Als Mitglied der Künstlergruppe Allianz entwickelte Graf eine eigene, von der Konkreten Kunst geprägte Formensprache. Im Unterschied zu den Zürcher Konkreten wie Max Bill oder Richard Paul Lohse suchte er jedoch nicht nach strenger Ordnung, sondern nach poetischen Farbklängen und emotionaler Offenheit.
In den 1960er-Jahren wandte sich Graf verstärkt der gestischen Malerei zu – mit pastosem Farbauftrag, expressiven Gesten und transparenten Lasuren. Tropische Farbtöne, die an seine brasilianische Herkunft erinnern, verleihen seinen Arbeiten eine besondere Tiefe. Gerade im Spannungsfeld zwischen rationaler Konstruktion und malerischer Freiheit liegt die historische Bedeutung seines Werks.
Eine stille Pionierfigur
Diogo Graf (geboren 1896 in Fortaleza, Ceará, Brasilien, gestorben 1966 in St.Gallen) wurde lange primär als Kunsterzieher wahrgenommen, während seine künstlerische Arbeit im Schatten blieb. Poetik der Abstraktion ist ein Beitrag zur Neubewertung seines Werks. Die Gegenüberstellung von Struktur und Geste verdeutlicht, wie Graf bereits in der Nachkriegszeit zentrale Fragestellungen der Postmoderne intuitiv vorwegnahm: die Auflösung rigider Systeme, die Öffnung des Bildraums und die Prozesshaftigkeit des künstlerischen Denkens.
Grafs Werk erinnert daran, dass die Geschichte der Moderne nicht nur in den Zentren geschrieben wurde – und dass leise, poetische Gesten oft nachhaltiger wirken als lauter Dogmatismus.
Rundgang für Medienschaffende:
Donnerstag, 15. Mai 2025, 11 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen
Mit Direktor Gianni Jetzer und Assistenzkurator Lorenz Wiederkehr
Pressekontakt:
Nadine Sakotic
Kunstmuseum St.Gallen
Leitung Kommunikation
T +41 71 242 06
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