Die Ergebnisse der IFZ Retail Banking-Studie 2015

20.11.2015 | von Hochschule Luzern


Hochschule Luzern

20.11.2015, Das Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern – Wirtschaft hat zum vierten Mal eine umfassende Studie zum Schweizer Retail Banken-Markt veröffentlicht. Sie zeigt auf, dass die Banken derzeit nur wenige Initiativen für die Erschliessung von neuen Geschäfts- und Ertragsfeldern ergreifen. Sie befinden sich stattdessen in einer Optimierungs- und Transformationsphase.

Strategien: Bankoptimierung im Zentrum
Die Herausforderungen sind für die Schweizer Retail Banken derzeit zahlreich und gross: Der Margendruck im Kerngeschäft der Hypotheken, der (schwierige) Versuch, die Erträge zunehmend zu diversifizieren, die Gewinnung und Ausbildung von guten Mitarbeitenden, neue Regulierungen oder die durch die Digitalisierung entstehenden neuen Geschäftsmodelle, Vertriebskanäle und Angebote sind nur einige der Schwierigkeiten, mit welchen sich die Retail Banken konfrontiert sehen. Angesichts dieses Umfelds wollte das Forschungsteam der Hochschule Luzern wissen, welche Themen derzeit bei den Schweizer Banken die höchste strategische Priorität haben.

Die Auswertung der Antworten von 202 Geschäftsleitungsmitgliedern zeigt, dass sich der überwiegende Teil der Institute mehrheitlich auf die Optimierung und Transformation des Geschäftsmodelles fokussiert. Dabei ist insbesondere die Weiterbildung der Mitarbeitenden zentral. «Das erstaunt nicht: Im stark wandelnden Wettbewerbsumfeld spielen gut ausgebildete Mitarbeitende eine zentrale Rolle. Bereits vor zwei Jahren nannten die Geschäftsleitungsmitglieder die Beratungsqualität als wichtigstes Differenzierungsmerkmal», sagt Studienautor Andreas Dietrich. Als strategisch wichtig erachten die Banken zudem den Ausbau und die Verknüpfung von Vertriebskanälen sowie die Optimierung und Automatisierung von Prozessen, sowohl im Mid- und Backoffice, als auch an der Kundenschnittstelle.

Der Erschliessung potenziell neuer Geschäfts- und Ertragsfelder wird derzeit hingegen weniger Priorität beigemessen. Bezüglich innovativer Angebote wie Blockchain oder Crowdfunding erklärt sich dies das Forschungsteam mit der teilweise fehlenden Marktreife oder den fehlenden Vorreitern aus dem Bankenumfeld. «Gleichzeitig hätte man aber im heutigen eher schwierigen Marktumfeld erwarten können, dass Strategien zur Gewinnung neuer Ertragsquellen entwickelt würden: zum Beispiel für die Erschliessung neuer Märkte ausserhalb des geografischen Stammgebiets, die Zusammenarbeit mit Versicherungen oder die Akquisition von Vermögensverwaltern», sagt Dietrich.

Insofern wünscht sich der Bankenexperte mehr Risikobereitschaft und Weitsicht. Auch deshalb, weil sich die Banken mit aus heutiger Sicht noch als innovativ geltenden strategischen Initiativen bereits im Jahr 2020 nicht mehr differenzieren können. «Gemäss den strategischen Prioritäten der Bankenvertreter kann beispielsweise davon ausgegangen werden, dass die Online-Verlängerung von Hypotheken bald ein Standard-Angebot von Banken sein wird.»

IT ist kein strategischer Differenzierungsfaktor
Für den zweiten Teil der Studie wurden 27 IT-Verantwortliche von Schweizer Banken zu ihren Herausforderungen befragt. Die Antworten machen deutlich, dass die Informatikabteilung einer Bank in erster Linie eine Unterstützungsfunktion ausübt und nicht als strategischer Differenzierungsfaktor betrachtet wird. Dies widerspiegelt sich im hohen Outsourcing-Grad verschiedener IT-bezogener Aktivitäten, wie die Software- Entwicklung, das IT-Hosting oder das Applikations-Management. Hinsichtlich der Kosten ihrer IT-Abteilung gehen vier von fünf Befragten davon aus, dass die Aufwände im nächsten Jahr entweder sinken oder auf konstantem Niveau verharren.

Schwyzer Kantonalbank aus Kennzahlensicht beste Retail Bank
Für das Ranking der besten Schweizer Retail Banken wurden Kennzahlen von 90 Instituten analysiert. Der Fokus lag dabei auf den Faktoren Rentabilität, Risiko und Struktur. Im Zeitraum von 2010 bis 2014 hat die Schwyzer Kantonalbank bei den entsprechenden Kennzahlen die besten Resultate erzielt. Sie ist einerseits gut kapitalisiert, verfügt gleichzeitig über eine tiefe Cost/Income Ratio und erzielt eine hohe Rentabilität. Die Kantonalbanken aus Freiburg, Graubünden und Appenzell schneiden ebenfalls sehr gut ab. Mit der Ersparniskasse Affoltern i.E. AG schaffte es auch eine kleine Regionalbank in die Top-5 von 2010 bis 2014 (siehe Tabellen in der Medienmitteilung zum Download).

Die Kennzahlenanalyse macht zudem deutlich: Die Schweizer Retail Banken bleiben unter Druck. Zwar wuchsen beispielsweise die Kundenausleihungen weiterhin an, und die Cost/Income Ratios bewegten sich auch im Jahr 2014 stabil bei durchschnittlich etwa 60 Prozent. Die Zinsmargen sanken jedoch weiter und liegen nur noch bei 1.19 Prozent (2010: durchschnittlich 1.40 Prozent). Insgesamt sind die untersuchten Retail Banken gut kapitalisiert. In der Mehrheit liegt ihr Eigenkapital deutlich über den von der FINMA festgelegten Mindestquoten.

Corporate Governance der Retail Banken
Im letzten Teil der Studie analysierte das Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ unter anderem die Eigentümerstrukturen sowie die Zusammensetzungen der Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von Schweizer Banken. Dabei zeigt sich, dass per Mitte 2015 die Titel von 40 der in die Analyse einbezogenen 73 Instituten handelbar sind: 17 Aktien oder Partizipationsscheine sind an einer Börse kotiert, weitere 23 können über verschiedene OTC-Plattformen gehandelt werden.

In den vergangenen Jahren waren die Vergütungen von Verwaltungsräten vermehrt Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Auch bei den Retail Banken stellt sich aus Sicht der Corporate Governance die Frage, was angemessen ist. Der Personalaufwand für den Verwaltungsrat von 66 untersuchten Instituten reichte im Jahre 2014 von 33'000 Franken bei der Deposito-Cassa der Stadt Bern bis hin zu 2.1 Millionen Franken bei der Banque Cantonale Vaudoise (mit vollamtlichem Verwaltungsratspräsident). Für die Höhe der jeweiligen Vergütungen ist die Bankengrösse relevant: Je grösser das Institut ist, desto komplexer werden in der Regel die Geschäfte; damit steigen wiederum Anforderungen und Zeitaufwand für die Verwaltungsratsmitglieder – und somit auch die Vergütungen. Der Frauenanteil in den Verwaltungsratsgremien lag im Jahr 2014 bei 17 Prozent, in den Geschäftsleitungen bei 6 Prozent.


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